Manuskript fertig, was nun?
Wenn der letzte Satz steht, kommt nicht der Verlag, sondern die Überarbeitung. Fast jeder Text, den jemand für fertig hält, ist eine erste Fassung. Der Weg von dort bis zur Einsendung dauert Monate und besteht aus vier Schritten: liegen lassen, selbst überarbeiten, von anderen lesen lassen, Dossier bauen. Diese Seite beschreibt jeden davon, und sie sagt auch, was dabei gerne schiefgeht.

Ist dein Manuskript wirklich fertig?
Wahrscheinlich nicht, und das ist kein schlechtes Zeichen. Ein Text ist fertig geschrieben, sobald er einen Anfang und ein Ende hat. Fertig ist er, wenn du ihn ohne inneren Kommentar lesen kannst, ohne dir dabei zu erklären, wie eine Stelle gemeint war.
Drei Fragen helfen bei der Einschätzung. Kannst du in zwei Sätzen sagen, wovon dein Buch handelt, ohne die Handlung nachzuerzählen? Weisst du bei jeder Szene, warum sie im Buch steht? Hat jemand ausser dir den ganzen Text gelesen und dir danach etwas gesagt, das du nicht erwartet hast?
Wer eine dieser Fragen mit Nein beantwortet, hat einen Rohtext. Das ist die normale Ausgangslage, auch bei Leuten, die später veröffentlichen. Rebekka Salm hat ihren ersten Roman mit 43 herausgebracht, «Die Dinge beim Namen», 2022 im Knapp Verlag in Olten. Zwei Jahre später folgte «Wie der Hase läuft», und für ihren nächsten Roman ist sie bei Ullstein unter Vertrag. Andreas Sommer hat lange etwas anderes gemacht und erst in der zweiten Lebenshälfte angefangen, Romane zu schreiben. Keins der Bücher der beiden stand nach der ersten Fassung so da, wie es erschienen ist.
Was tust du in den ersten Wochen nach dem letzten Satz?
Nichts. Leg den Text weg, mindestens vier Wochen, besser acht. Solange du die Sätze noch im Ohr hast, liest du das, was du gemeint hast, und nicht das, was dasteht. Dieser Abstand ist der billigste Qualitätsgewinn, den es beim Schreiben gibt, und der einzige, der nichts kostet ausser Geduld.
Danach liest du den ganzen Text am Stück, ohne zu korrigieren. Notiere nur, wo du herausfällst, wo du dich langweilst, wo du etwas nachschlagen musst. Erst im zweiten Durchgang wird geändert, und zwar von gross nach klein: zuerst der Aufbau, dann die Szenen, dann die Sätze. Wer mit den Sätzen anfängt, poliert Kapitel, die später herausfliegen.


Wer liest deinen Text, bevor ein Verlag ihn liest?
Drei Arten von Leserinnen und Lesern, und sie leisten Verschiedenes. Testleser sagen dir, wo sie aufgehört haben zu lesen. Das ist wertvoll und kostet nichts, aber sie können dir selten sagen, warum. Eine Schreibgruppe liest regelmässig mit und merkt Dinge, die man nur über die Zeit sieht, etwa dass eine Figur sich nicht verändert. Ein Lektorat arbeitet am Text selbst, prüft Aufbau, Erzählhaltung, Sprache und schlägt Änderungen vor.
Diesen Teil begleitet im Schreibjahr Karin Reber, Lektorin beim Zytglogge Verlag in Basel. Sie war lange Auslandredaktorin beim «Bund» und vier Jahre USA-Korrespondentin für Schweizer Zeitungen, bevor sie ins Lektorat wechselte. Wer zwanzig Jahre unter Termindruck für Zeitungen geschrieben hat, sieht einem Satz schnell an, ob er trägt.
Ein Lektorat ersetzt keine Überarbeitung. Es setzt dort an, wo du selbst nicht mehr weiterkommst, und es lohnt sich erst, wenn du deine eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft hast. Wer einen Rohtext ins Lektorat gibt, bezahlt dafür, dass jemand Probleme benennt, die er beim zweiten eigenen Durchgang selbst gefunden hätte.
Preise für ein freies Lektorat schwanken stark, je nach Umfang, Genre und Tiefe der Arbeit. Verlässliche Richtwerte bekommst du nur über eine konkrete Anfrage mit Textprobe und Seitenzahl. Wer dir ohne Blick in den Text einen Preis nennt, hat den Text nicht gelesen.
Was gehört in ein Dossier?
Bei Belletristik fast immer dasselbe: ein Anschreiben, ein Exposé und eine Leseprobe. Das Anschreiben ist kurz und sagt, was das Buch ist, wer du bist und warum du diesen Verlag anschreibst. Das Exposé beschreibt auf ein bis zwei Seiten Inhalt, Aufbau, Figuren und Ende. Das Ende gehört hinein, auch wenn es weh tut. Ein Exposé ist kein Klappentext und darf nicht spannend sein wollen. Die Leseprobe sind die ersten zwanzig bis dreissig Seiten, vom Anfang, nicht die Lieblingsstelle aus der Mitte.
Beim Sachbuch sieht das anders aus. Dort entscheidet das Konzept, nicht der fertige Text: Thema, Aufbau, Zielpublikum, vergleichbare Bücher, deine Berechtigung für dieses Thema. Ein Sachbuch wird oft verkauft, bevor es geschrieben ist. Wer ein erzählendes Sachbuch plant, braucht beides, ein Konzept und eine Probe, an der man den Ton hört.


Wie reicht man ein Manuskript in der Schweiz ein?
Per Mail, an die Adresse, die der Verlag selbst nennt, und genau in der Form, die er verlangt. Schweizer Verlage schreiben ihre Bedingungen offen auf die Website, und sie unterscheiden sich in Details, die über das Weiterlesen entscheiden.
Der Limmat Verlag in Zürich will alles in einem einzigen PDF: Vita mit Publikationsliste auf höchstens zwei Seiten, Exposé auf höchstens zwei Seiten, dazu rund dreissig Seiten Leseprobe oder das ganze Manuskript. Er nimmt Manuskripte ausschliesslich per Mail entgegen und publiziert bestimmte Gebiete gar nicht, darunter Krimi, Fantasy, Science-Fiction, Thriller, Ratgeber und Kinderbuch. Diogenes in Zürich verlangt ein Exposé von ein bis zwei Seiten und höchstens dreissig Seiten Probe, ebenfalls per Mail, und prüft weder handschriftliche Texte noch Sendungen auf USB-Stick. Wer nach sechs Monaten nichts gehört hat, soll das als Absage verstehen.
Das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme: Die meisten Verlage antworten nur bei Interesse, geben keine Begründung und keine Auskunft über den Stand. Der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband hat dazu ein eigenes Merkblatt. Prüfe vor dem Versand die Seite des Verlags noch einmal, die Angaben ändern sich. Und schreibe keine zwanzig Häuser gleichzeitig an, sondern die, deren Programm zu deinem Buch passt. Das erkennst du daran, dass du dort Bücher findest, die du selbst gelesen hast.
Verlag, Agentur oder Selbstverlag?
Drei Wege mit verschiedenen Kosten und verschiedener Kontrolle. Beim Verlag zahlst du nichts und gibst dafür Entscheidungen ab, über Titel, Umschlag, Erscheinungstermin. Die Wartezeiten sind lang, die Ablehnungsquote hoch, und niemand kann dir eine Zusage versprechen, auch wir nicht. Eine Literaturagentur übernimmt die Vermittlung und lebt von einem Anteil am Honorar; sie ist im deutschsprachigen Raum vor allem bei grossen Publikumsverlagen üblich und nimmt selbst nur wenige Projekte an. Im Selbstverlag behältst du alles und bezahlst alles, vom Lektorat über das Cover bis zum Vertrieb, und die eigentliche Arbeit beginnt nach dem Erscheinen.
Ein Schweizer Manuskript muss auch nicht in der Schweiz erscheinen. Andreas Sommer, der das Schreibjahr beratend und inhaltlich begleitet, lebt in der Schweiz und veröffentlicht bei Langen Müller in München, zuletzt «Die Willküren. Sieben Leben für Vera». Der deutsche Markt ist um ein Vielfaches grösser, und deutsche Verlage nehmen Schweizer Autorinnen und Autoren an. Dafür läuft der Weg dorthin häufiger über eine Agentur, und du arbeitest mit einem Lektorat, das deine Gegend nicht kennt. Bei einem Buch, das stark in einer Region spielt, ist das ein Argument für einen Schweizer Verlag, bei einem Stoff ohne festen Ort eher keines.
Kein Weg ist der bessere. Sie passen zu verschiedenen Büchern und zu verschiedenen Leben. Wer schnell und für einen bekannten Kreis von Leserinnen publizieren will, ist im Selbstverlag richtig. Wer den Weg in den Buchhandel und in die Feuilletons sucht, braucht einen Verlag und Geduld.
