WENN ES NICHT WEITERGEHT
Schreibblockade beim Buch: sieben Dinge, die anderen geholfen haben
Wir haben recherchiert, was Schriftstellerinnen und Schriftsteller tatsächlich gemacht haben, wenn es mal klemmte. Nicht die Ratschläge, die sie angeblich gaben, sondern das, was belegt ist. Sieben Tipps tauchten immer wieder auf.

01 – Raymond Chandler: Nimm dir das Aufhören weg, nicht das Anfangen
Raymond Chandler, 1888 bis 1959, verlor mit vierundvierzig seine Stelle in einer Ölfirma und fing danach an, Kriminalromane zu schreiben. Mit Philip Marlowe erfand er die Figur, an der sich das Genre bis heute abarbeitet.
Am 18. März 1949 schrieb er dem Journalisten Alex Barris seine zwei Arbeitsregeln auf. Erstens: Du musst nicht schreiben. Zweitens: Du darfst nichts anderes tun. Mindestens vier Stunden am Tag. Aus dem Fenster schauen ist erlaubt, Kopfstand machen auch, sich auf dem Boden wälzen ebenfalls. Lesen, Briefe schreiben, Rechnungen zahlen oder eine Zeitschrift durchblättern nicht.
Der Kniff wirkt nur, wenn das Nichtstun wirklich erlaubt bleibt. Wer die Stunde mit Aufräumen füllt, hat die Regel umgedreht.
Quelle: Brief an Alex Barris, 18. März 1949, in: Selected Letters of Raymond Chandler, hrsg. Frank MacShane, Columbia University Press 1981, Seiten 153 bis 154. Passage im Zusammenhang: https://scottwesterfeld.com/blog/2009/11/1889/ · Gaiman im Gespräch mit Tim Ferriss, Folge 366, 28. März 2019: https://tim.blog/2019/03/30/the-tim-ferriss-show-transcripts-neil-gaiman-366/
02 – Ludwig Hohl: Fang nicht am Anfang an
Ludwig Hohl, 1904 bis 1980, ist der Schweizer Autor, den die anderen Autoren lasen. Sein Hauptwerk «Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung» trennt Poesie und Philosophie nicht. 1970 bekam er den Schillerpreis, 1980 den Petrarca-Preis.
Von 1954 an lebte er gut zwanzig Jahre in einer Genfer Kellerwohnung. Durch das Zimmer spannte er sich eine Wäscheleine, und daran hingen seine Notizblätter. Im Nachlassinventar der Nationalbibliothek steht bis heute eine eigene Rubrik dafür: «An Leinen aufgehängte Blätter». Kein Anfang, kein Ende, nur Stellen. Sein Satz dazu: «Es kommt nur darauf an, irgendwo zu beginnen, nicht, am Anfang zu beginnen: da es ja keinen Anfang gibt.»
Joan Didion machte es mit ihrem ersten Roman ähnlich. Sie schrieb «Run River» nachts, neben ihrer Stelle bei der Vogue, in Szenen ohne Reihenfolge. Die fertigen Seiten klebte sie zu langen Streifen zusammen und heftete die Streifen an die Wand ihrer Wohnung. Manchmal rührte sie eine Szene ein, zwei Monate nicht an, dann nahm sie eine von der Wand und schrieb sie neu.
Wenn die Szene, die dran wäre, nicht geht, schreib die, die geht. Die Reihenfolge entsteht später.
Quelle: Nachlassinventar Schweizerisches Literaturarchiv, Bestand SLA-Hohl, Rubrik A-01-c: https://ead.nb.admin.ch/html/hohl_A-01.html · Zur Kellerwohnung: Stefan Howald, WOZ Nr. 18, 2. Mai 2013: https://www.woz.ch/1318/ludwig-hohl/einsam-denkt-der-schriftsteller-im-notizengebirge · Lebensdaten: Historisches Lexikon der Schweiz, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/011959/ · Das Zitat steht in den «Notizen», Teil II, Notiz 108 · Didion: The Paris Review, Issue 74, Herbst/Winter 1978, The Art of Fiction No. 71, Interview von Linda Kuehl, frei lesbar: https://www.theparisreview.org/interviews/3439/the-art-of-fiction-no-71-joan-didion


03 – Ernest Hemingway: Hör auf, solange es noch läuft
Ernest Hemingway, 1899 bis 1961, begann als Reporter, schrieb «Wem die Stunde schlägt» und «Der alte Mann und das Meer» und bekam 1954 den Nobelpreis.
Seine bekannteste Arbeitsregel wird fast überall falsch zitiert. Sie lautet nicht, mitten im Satz aufzuhören. Im Gespräch mit George Plimpton sagte er 1958: Man liest, was man geschrieben hat, und weil man immer aufhört, wenn man weiss, was als Nächstes kommt, macht man von dort weiter. Man schreibt, bis man an eine Stelle kommt, wo der Saft noch da ist und man weiss, wie es weitergeht, und dort hört man auf.
Der Unterschied ist die halbe Arbeit. Du hörst nicht auf, wenn du leer bist, sondern wenn du noch weisst, wie es weitergeht.
Am nächsten Morgen steht dann nicht die Frage «was jetzt» im Raum, sondern nur noch der Satz, den du gestern angefangen hast.
Quelle: The Paris Review, Issue 18, Frühling 1958, Interview von George Plimpton, The Art of Fiction No. 21. Die Passage steht im frei lesbaren Teil, gleich in der ersten Antwort: https://www.theparisreview.org/interviews/4825/the-art-of-fiction-no-21-ernest-hemingway
04 – Hilary Mantel: Steh auf, aber greif nicht zum Telefon
Hilary Mantel, 1952 bis 2022, war die erste Frau, die den Booker Prize zweimal gewann, für «Wölfe» und «Falken» aus ihrer Trilogie um Thomas Cromwell.
Im Februar 2010 veröffentlichte sie im Guardian zehn Schreibregeln. Die neunte gilt dem Steckenbleiben. Wenn du festhängst, geh vom Schreibtisch weg. Spazieren, baden, schlafen, einen Kuchen backen, zeichnen, Musik hören, meditieren, Sport. Bloss nicht sitzen bleiben und das Problem anstarren. Aber telefoniere nicht und geh nicht an eine Party. Sonst strömen fremde Wörter dorthin, wo deine eigenen fehlen sollten. Mach eine Lücke für sie auf, schaff einen Raum, und hab Geduld.
Roddy Doyle, der irische Autor von «The Commitments», baut sich denselben Zwang körperlich ein. Seine sechste Regel: Halte dir einen Thesaurus, aber im Schuppen hinten im Garten oder hinter dem Kühlschrank, irgendwo, wo man hinlaufen muss. Wahrscheinlich reichen die Wörter, die dir ohnehin einfallen.
Die Pause hilft. Fremde Sätze im Kopf helfen nicht. Der Unterschied liegt nicht in der Länge der Pause, sondern darin, was in ihr auf dich einredet.
Quelle: Beide aus der Guardian-Serie «Ten rules for writing fiction», 20. Februar 2010. Mantel im zweiten Teil, Regel 9: https://www.theguardian.com/books/2010/feb/20/10-rules-for-writing-fiction-part-two · Doyle im ersten Teil, Regel 6: https://www.theguardian.com/books/2010/feb/20/ten-rules-for-writing-fiction-part-one


05 – Gustave Flaubert: Lies laut, wenn du nicht weiterweisst
Gustave Flaubert, 1821 bis 1880, schrieb in Croisset bei Rouen «Madame Bovary», den Roman, mit dem der moderne Realismus anfängt. Er brauchte dafür fünf Jahre.
Zum Prüfen ging er hinaus, stampfte die Lindenallee in seinem Garten auf und ab und brüllte die Sätze heraus, bis sie den Klangtest bestanden. Er nannte das gueuloir, von gueuler, brüllen. Und hier wird es interessant: Das Wort meint nicht den Ort, sondern die Handlung. Das Centre Flaubert der Universität Rouen führt die Verwechslung ausdrücklich unter den häufigsten Falschinformationen über ihn. Es gibt kein Zimmer und keine Allee, die der gueuloir wäre. Es gibt nur das laute Durchprüfen.
Was er dabei suchte, hat er 1870 aufgeschrieben, in der Vorrede zu den nachgelassenen Gedichten seines Freundes Louis Bouilhet. Schlecht geschriebene Sätze hielten dieser Probe nicht stand. Sie beklemmten die Brust, behinderten den Herzschlag und stünden damit ausserhalb der Bedingungen des Lebens. Er schreibt es über Bouilhet, aber es ist seine eigene Lehre.
Das ist kein Spleen, sondern ein Messgerät. Ein Satz, bei dem dir im Lesen die Luft ausgeht, hat einen Fehler, den du auf dem Papier nicht siehst. Dafür braucht es keinen Garten, eine Stimme genügt.
Quelle: Centre Gustave Flaubert der Universität Rouen zum Missverständnis: https://flaubert.univ-rouen.fr/labo-flaubert/questions-réponses1/fausses-informations/les-fausses-informations-les-plus-courantes/ · Die Stelle über die Sätze: Vorrede zu Louis Bouilhet, «Dernières chansons», datiert 20. Juni 1870, Abschnitt IV: https://fr.wikisource.org/wiki/Dernières_chansons_-_Préface_de_Gustave_Flaubert
06 – Friedrich Dürrenmatt: Schneide, wenn du nicht schreiben kannst
Friedrich Dürrenmatt, 1921 bis 1990, schrieb «Der Besuch der alten Dame» und «Die Physiker», zwei der meistgespielten deutschsprachigen Theaterstücke, und war neben dem Schreiben sein Leben lang Maler.
Auf seinem Schreibtisch lagen immer zwei Papierstapel. Stockte der Text, drehte er sich weg und zeichnete. Stockte das Zeichnen, drehte er sich zurück.
Der zweite Kniff war die Schere. Ohne Papierschere und Klebstoff, sagte er einmal zur Schauspielerin Maria Becker, könne man nicht arbeiten. Bei grösseren Umstellungen griff er zur Collage: Passagen ausschneiden, neu zusammenkleben, handschriftlich verbinden und erst dann weiterschreiben. Im Schweizerischen Literaturarchiv liegen die verworfenen Textseiten, die dabei anfielen, oft zu Mappen mit zwei- bis dreihundert Einzelseiten zusammengefasst.
Eudora Welty, Pulitzerpreisträgerin aus Mississippi, machte es mit Nadeln statt Klebstoff. 1953 schrieb sie ihrem Lektor beim New Yorker, er möge ruhig Gummilösung nehmen, sie selber sei ans Schreiben mit einem Nadelkissen gewöhnt. Wenn eine Geschichte zu lang fürs Zimmer wurde, nahm sie sie aufs Bett und steckte weiter. «The Ponder Heart» entstand in Stecknadeln, Hutnadeln, Anstecknadeln und Nähnadeln, und als sie fertig abgetippt hatte, hatte sie mehr Nadeln als am Anfang. Ihr Argument: Nadeln lassen sich wieder herausziehen.
Umstellen ist auch Arbeit am Buch. An manchen Tagen ist es die einzige, die geht.
Quelle: Rudolf Probst und Ulrich Weber, «Prolegomena zur Arbeit mit den Manuskripten Friedrich Dürrenmatts», Schweizerisches Literaturarchiv 1998, Seiten 6 und 7, Zitat in Fussnote 16: https://ead.nb.admin.ch/pdf/Prolegomena_zur_Arbeit_mit_den_Manuskripten_Friedrich_D%C3%BCrrenmatts.pdf · Das Becker-Zitat stammt aus: Friedrich Dürrenmatt, Schriftsteller und Maler, Bern und Zürich 1994, Seite 158 · Welty an William Maxwell, 10. September 1953, vollständig: https://theamericanreader.com/10-september-1953-eudora-welty-to-william-maxwell/


07 – Anne Lamott: Erlaube dir die schlechte erste Fassung
Anne Lamott, geboren 1954 in San Francisco, schrieb 1994 mit «Bird by Bird» das Buch über das Schreiben, das an amerikanischen Hochschulen bis heute im Unterricht steht.
Ein Kapitel darin heisst «Shitty First Drafts». Es räumt mit der Vorstellung auf, gute Autorinnen schrieben brauchbare erste Fassungen. Sie tun es nicht. Sie schreiben sie zu Ende und überarbeiten danach. Das Kapitel wirkt bis heute, weil es die Scham wegnimmt statt sie zu übertönen.
Jodi Picoult sagt dasselbe als Rechnung. Man schreibe vielleicht nicht jeden Tag gut, aber eine schlechte Seite könne man immer überarbeiten. Eine leere nicht.
Wer beim Schreiben schon redigiert, arbeitet gegen sich selbst. Die zwei Tätigkeiten brauchen verschiedene Köpfe, und sie vertragen sich in derselben Stunde nicht.
Quelle: Anne Lamott, «Bird by Bird: Some Instructions on Writing and Life», Pantheon Books, New York 1994, Kapitel «Shitty First Drafts» im ersten Teil. Ausleihbar bei archive.org: https://archive.org/details/birdbybirdsomein00lamo · Picoult im Gespräch mit Noah Charney, The Daily Beast, 3. April 2012: https://www.thedailybeast.com/jodi-picoult-on-writing-publishing-and-what-shes-reading/
Was alle sieben gemeinsam haben?
Keiner dieser Leute suchte etwas, das ihn befeuert. Alle suchten etwas, das sie einschränkt.

Häufig gestellte Fragen
Am verlässlichsten hilft eine feste, kurze Schreibzeit, in der nichts anderes erlaubt ist. Nicht Motivation, sondern eine Einschränkung. Alle sieben Tipps auf dieser Seite laufen darauf hinaus.
Indem das Schreiben nicht mehr zur Wahl steht. In fast jedem belegten Fall hat jemand oder etwas die Schreibzeit unverhandelbar gemacht: ein bezahlter Wecker, ein Arzttermin, fünf Hefte, eine Gruppe, die wartet.
Der Begriff geht auf den Wiener Psychoanalytiker Edmund Bergler zurück. 1950 schrieb er einen Aufsatz mit dem Titel «Does Writer's Block Exist?» und verteidigte darin seine eigene Erfindung gegen zehn Einwände. Nicht alle glauben daran. Philip Pullman hält dagegen, dass Klempner keine Klempnerblockade bekommen und Ärzte keine Ärzteblockade. Ob man es so nennt, ändert wenig. Die sieben Tipps funktionieren auch ohne den Namen.
Nicht mehr über das Buch nachdenken, sondern über die anstehende Woche.
Genau damit beginnt das Schreibjahr – mit einer Auslegeordnung und einem Plan.
Sie liefert dir Sätze, aber nicht die feste Schreibzeit, die fehlt. Alle sieben Tipps auf dieser Seite drehen sich um diese Zeit, nicht um Text. Wo KI beim Buch trotzdem hilft, steht auf Buch schreiben mit KI.