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Wie fange ich einen Roman an?
Wo dein Roman beginnt, was ein erster Satz leisten muss und wann ein Prolog trägt, mit ersten Sätzen von Frisch, Walser, Stamm und Dürrenmatt.
Team des Schreibjahrs · Lektorat und Schreibbegleitung · aktualisiert 01.11.2026
Einen Roman fängst du mit einer Szene an, die du deutlich vor dir siehst, und schreibst von dort weiter. Den ersten Satz musst du am Anfang noch nicht haben. Der fertige Roman beginnt dort, wo sich für die Hauptfigur etwas verschiebt. Die Vorgeschichte kommt später, in kleinen Stücken. Ein Prolog lohnt sich nur, wenn er etwas kann, was das erste Kapitel nicht kann.

Womit fange ich an, wenn ich einen Roman schreiben will?
Du fängst mit der Szene an, die du am deutlichsten siehst. Das kann eine Szene aus der Mitte sein oder das Ende. Wer auf den perfekten ersten Satz wartet, schreibt oft monatelang gar nichts.
Der Anfang, den du jetzt schreibst, ist ein Arbeitsanfang. Er bringt dich in die Geschichte hinein. Ob die Leserin dort einsteigen wird, entscheidest du erst, wenn der Entwurf steht. Das erste Kapitel schreibst du am besten am Schluss noch einmal neu. Dann weisst du, wohin der Roman will, und der Anfang kann darauf vorbereiten.
Vor dem ersten Kapitel helfen zwei Entscheidungen: wer erzählt und in welcher Zeitform. Beides prägt jeden Satz. Wie du das prüfst, steht unter Perspektive und Zeitform im Roman. Stockt es trotzdem, liegt es selten am Anfang. Dann hilft eher, was unter Schreibblockade beim Roman steht.
Wo beginnt die Geschichte meines Romans?
Die Geschichte beginnt dort, wo das gewohnte Leben deiner Hauptfigur einen Riss bekommt. Davor ist Vorgeschichte. Sie ist für dich wichtig, die Leserin braucht sie am Anfang aber kaum.
Max Frisch lässt «Homo faber» (1957) in einem Flugzeug beginnen, das verspätet in New York startet. Wenig später muss die Maschine in der mexikanischen Wüste notlanden. Von dort an läuft alles, was Walter Faber erlebt. Seine Jugend, Hanna und die Jahre in Zürich erfährt man erst nach und nach.
Für deinen Entwurf heisst das: Zeichne eine Zeitlinie mit allem, was du über deine Figur weisst. Markiere den Tag, an dem etwas passiert, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Dort setzt du den Einstieg. Was links davon liegt, streust du später ein, wenn die Leserin es zum Verstehen braucht.

Was muss ein erster Satz im Roman leisten?
Ein erster Satz muss eine Stimme hörbar machen und eine Frage offen lassen. Spektakulär muss er dafür nicht sein. Die Leserin soll nach ihm den zweiten lesen wollen.
Die Schweizer Literatur hat dafür gute Beispiele, und sie funktionieren ganz verschieden:
«Ich bin nicht Stiller!» So beginnt Max Frisch «Stiller» (1954). Der Satz ist ein Widerspruch, und der ganze Roman prüft, ob er stimmt.
«Agnes ist tot.» Mit diesem Satz eröffnet Peter Stamm «Agnes» (1998). Das Ende steht am Anfang. Die Spannung liegt darin, wie es dazu kam.
«Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften». So beginnt Robert Walser «Jakob von Gunten» (1909). Man hört sofort einen Ton zwischen Klage und Spott.
«Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen.» Das ist «Homo faber». Der Satz klingt wie ein Protokoll, und Faber ist einer, der alles protokolliert.
Erklärt wird in keinem dieser Sätze etwas. Trotzdem hört man sofort, wer spricht. Für deinen eigenen ersten Satz heisst das: Schreib zehn Varianten und lies sie laut. Behalte den Satz, der am meisten nach deiner Erzählstimme klingt.

Wie viel muss die Leserin im ersten Kapitel wissen?
Die Leserin muss im ersten Kapitel wissen, bei wem sie ist und was für diese Figur auf dem Spiel steht. Alles andere kann warten. Wer zuerst die ganze Herkunft der Figur erklärt, verliert die Leserin, bevor die Geschichte anfängt.
Darum beginnen viele Romane mit einer Szene. Eine Szene ist ein Stück Handlung an einem bestimmten Ort, das die Leserin miterlebt, als wäre sie dabei. Du steigst mitten in eine Handlung ein, die schon läuft. Die Figur will etwas, und jemand kommt ihr in die Quere. Den Rest erschliesst die Leserin aus dem, was sie sieht und hört.
Dabei hilft das Zeigen. Eine einsame Figur zeigst du zum Beispiel, wie sie am Samstag zwei Gedecke auflegt und eines wieder wegräumt. Das Wort «einsam» braucht es dann nicht mehr. Mehr zum Zeigen und Erzählen steht unter Roman überarbeiten. Im ersten Kapitel ist es besonders wichtig, weil die Leserin der Figur hier zum ersten Mal begegnet.
Brauche ich einen Prolog?
Die meisten Romane brauchen keinen Prolog. Ein Prolog ist ein Text vor dem ersten Kapitel, der aus einer anderen Zeit oder mit einer anderen Stimme erzählt. Er trägt, wenn er etwas leistet, was das erste Kapitel nicht kann.
Friedrich Dürrenmatt zeigt in «Das Versprechen» (1958), wie das aussieht. Der Roman beginnt mit einem Ich-Erzähler, der Kriminalromane schreibt: «Im März dieses Jahres hatte ich vor der Andreas-Dahinden-Gesellschaft in Chur …» einen Vortrag zu halten. Danach trifft er den früheren Kommandanten der Zürcher Kantonspolizei. Der erzählt ihm auf der Rückfahrt die eigentliche Geschichte. Dieser Rahmen gibt dem Roman eine zweite Stimme. Sie stellt die Regeln des Kriminalromans in Frage, das sagt schon der Untertitel «Requiem auf den Kriminalroman».
Die Probe für deinen eigenen Prolog: Streich ihn und lies das erste Kapitel. Fehlt dir dann nichts, gehört er weg. Fehlt etwas, prüf zuerst, ob es auch ins erste Kapitel passt.
Ein Beispiel aus der Praxis
Das folgende Beispiel ist eine Übung, für diese Seite geschrieben. Nehmen wir an, jemand schreibt einen Roman über einen Grossvater, der Anfang der Sechzigerjahre aus dem Emmental nach Kanada auswandert.
Vorher: Ernst wurde 1938 in Trubschachen geboren, als drittes von fünf Kindern. Sein Vater hatte einen kleinen Hof, der kaum genug abwarf. Schon als Bub träumte Ernst davon, eines Tages fortzugehen.
Nachher: Am Bahnhof Langnau stellte Ernst den Koffer ab und zählte das Geld noch einmal. Es reichte bis Le Havre. Seine Mutter war nicht mitgekommen.
Die erste Fassung erzählt über zwanzig Jahre in drei Sätzen. Sie ist korrekt und lässt kalt. Die zweite Fassung beginnt am Tag des Aufbruchs. Man sieht den Koffer und erfährt, dass das Geld knapp ist. Der letzte Satz öffnet eine Frage, die man beantwortet haben will. Hof und Geschwister haben später Platz, wenn Ernst in Kanada an sie denkt.
Wann das nicht reicht
Ein Anfang lässt sich lange polieren, ohne dass der Roman vorankommt. Wer das erste Kapitel zum zehnten Mal umschreibt, schreibt meistens am Rest vorbei. Dann ist es besser, den Anfang liegen zu lassen und weiterzuschreiben. Am Schluss weisst du ohnehin mehr.
Ob ein Anfang trägt, kannst du selbst schlecht beurteilen. Du kennst die Geschichte schon und liest mit, was noch gar nicht auf der Seite steht. Hier helfen Leserinnen, die nur die ersten zehn Seiten bekommen und dir sagen, wo sie weiterlesen wollten und wo nicht.
Häufige Fragen
Muss ich mit dem ersten Kapitel anfangen zu schreiben? Nein. Du kannst mit jeder Szene anfangen, die du deutlich siehst. Das erste Kapitel schreibst du am besten am Ende neu, wenn du weisst, wohin der Roman geht.
Was ist ein guter erster Satz für einen Roman? Ein Satz, der eine Stimme hörbar macht und eine Frage offen lässt. Max Frischs «Stiller» beginnt mit «Ich bin nicht Stiller!», Peter Stamms «Agnes» mit «Agnes ist tot.» Beide erklären nichts und machen neugierig.
Wie lang sollte das erste Kapitel sein? Eine feste Länge gibt es nicht. Das erste Kapitel sollte die Leserin in eine laufende Handlung bringen und mit einer offenen Frage enden. Wie lang Kapitel insgesamt sind, hängt vom Roman ab.
Wann ist ein Prolog sinnvoll? Wenn er aus einer anderen Zeit oder mit einer anderen Stimme erzählt und damit etwas leistet, was das erste Kapitel nicht kann. Ein Prolog, der nur Vorgeschichte erklärt, gehört gestrichen.
Darf ein Roman mit dem Ende anfangen? Ja. Peter Stamm verrät in «Agnes» im ersten Satz, dass die Hauptfigur tot ist. Die Spannung verschiebt sich dann von der Frage, was passiert, zur Frage, wie es dazu kam.
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Ob dein Anfang trägt, zeigt sich, wenn andere ihn lesen. Im Schreibjahr gehört das von Beginn an dazu, der Einstieg ist der Vorbereitungstag in Olten, 10.00 bis 16.30 Uhr.