ANFANGEN
Wie schreibe ich meine Lebensgeschichte?
Wie du deine Lebensgeschichte aufschreibst: wo anfangen, was weglassen, wie über echte Menschen schreiben und wann Hilfe von aussen sinnvoll ist.
Team des Schreibjahrs · Lektorat und Schreibbegleitung · aktualisiert 01.11.2026
Wer seine Lebensgeschichte schreiben will, fängt am besten bei einer einzelnen Szene an, die bis heute nachwirkt. Die Geburt ist selten ein guter erster Satz. Danach sammelst du Material, legst eine grobe Zeitleiste an und entscheidest, was du weglässt. So entsteht auch die eigene Biografie. Allein geht das gut. Schwierig wird es meist erst beim Dranbleiben über viele Monate.

Was ist der Unterschied zwischen Autobiografie, Memoir und Familiengeschichte?
Eine Autobiografie erzählt das ganze eigene Leben, meist in zeitlicher Reihenfolge. Ein Memoir (auf Deutsch auch Memoiren) greift einen Lebensabschnitt heraus. Es stellt ihm eine Leitfrage, etwa: Wie kam ich nach Zürich? Eine Familiengeschichte erzählt über mehrere Generationen. Oft kommen Menschen vor, die du selbst nie gekannt hast.
Die Form entscheidet über die Arbeit. Wer eine Autobiografie schreiben will, braucht einen langen Atem und viel Auswahl. Ein Memoir ist kürzer, verlangt aber eine klare Frage. Eine Familiengeschichte heisst Recherche: Archive, Briefe, Gespräche mit Verwandten. Zora del Buono hat aus der eigenen Familie zwei Romane gemacht. In ihrem Familienroman «Die Marschallin» (2020) erzählt sie das Leben ihrer Grossmutter. Im Rechercheroman «Seinetwegen» (2024) sucht sie den Autofahrer, der 1963 den Unfall ihres Vaters verursacht hat. Für dieses Buch erhielt sie 2024 den Schweizer Buchpreis.

Wo fange ich an, wenn ich mein Leben aufschreiben will?
Fang bei einer Szene an, die du genau vor dir siehst, und lass die Chronologie vorerst liegen. Eine Szene spielt an einem bestimmten Ort, zu einer festen Stunde. Zum Beispiel der Morgen, an dem dein Vater zum letzten Mal mit dem Velo zur Fabrik in Gerlafingen fuhr.
Parallel sammelst du Material. Fotos, Briefe, alte Agenden, Zeugnisse, ein Kochbuch mit Notizen am Rand. Geh an die Orte zurück, wenn das möglich ist, und schreib dort gleich mit.
Dann eine grobe Zeitleiste: ein Blatt, eine Linie, darauf die Jahre und die wenigen Ereignisse, die dein Leben gedreht haben. Umzüge, Verluste, Stellenwechsel, Geburten. Die Zeitleiste ist ein Werkzeug für dich. Sie muss nicht die Reihenfolge des Buchs sein.
Stockt das Erinnern, hilft dasselbe wie gegen eine Schreibblockade: kleine, feste Einheiten jeden Tag zur gleichen Zeit.
Muss ich alles erzählen?
Nein. Was du weglässt, entscheidet, worüber das Buch ist. Bei einem Text ohne Auswahl weiss die Leserin bald nicht mehr, worauf sie achten soll.
Eine brauchbare Frage beim Auswählen lautet: Was gehört zu der Frage, die dieses Buch stellt? Der Militärdienst kann drei Seiten wert sein oder einen Halbsatz. Das hängt davon ab, ob er etwas mit deiner Geschichte zu tun hat.
Auswahl heisst übrigens auch, Lücken stehen zu lassen. Erinnerung ist unvollständig, und ein ehrlicher Text darf das zeigen. Ein Satz wie «An die Beerdigung erinnere ich mich nicht» ist oft stärker als eine rekonstruierte Szene.
Wie schreibe ich über Menschen, die noch leben?
Mit Vorsicht und am besten mit ihrem Wissen. In der Schweiz schützt Art. 28 ZGB die Persönlichkeit. Wer widerrechtlich in seiner Persönlichkeit verletzt wird, kann vor Gericht gehen. Widerrechtlich ist eine Verletzung dann, wenn sie weder durch Einwilligung noch durch ein überwiegendes Interesse oder ein Gesetz gerechtfertigt ist. Wenn du veröffentlichen willst und heikle Dinge über erkennbare Personen schreibst, frag eine Juristin.
Für die Praxis heisst das: Hol eine Einwilligung ein, wo es um Intimes geht. Ändere Namen und erkennbare Details, wenn jemand nicht genannt werden will. Zeig die Fassung den Betroffenen zuerst. Das erspart oft den Streit danach.
Recherche kann das Bild verändern, das eine Familie von jemandem hat. Zora del Buono sagte 2024 gegenüber SRF Kultur über den Unfallfahrer, den ihre Familie für einen verantwortungslosen Hallodri hielt: «Dieses Bild musste ich revidieren.»
Wie wird aus Erinnerungen eine Geschichte, die andere lesen wollen?
Indem du dein jüngeres Ich wie eine Figur behandelst. Die Zwölfjährige von damals wusste nicht, was du heute weisst. Lass sie in der Szene nicht klüger sein, als sie war.
Der zweite Schritt: Erzähl in Szenen, mit Geräuschen und Gegenständen.
Vorher (Bericht): «Meine Kindheit in Langenthal war nicht einfach. Mein Vater trank, und meine Mutter hielt die Familie zusammen.»
Nachher (Szene): «Wenn der Schlüssel zweimal ins Schloss rutschte, bevor er traf, stellte meine Mutter den Teller zurück in den Ofen. Ich lernte früh, das Geräusch zu zählen.»
Auch im Memoir stellt sich die Frage nach der Perspektive. Die meisten schreiben in der Ich-Form. Manche wählen die dritte Person, um Abstand zu gewinnen.
Wer kann meine Biografie schreiben?
Du selbst, eine Biografin oder du mit Begleitung. Der Unterschied liegt darin, wessen Stimme im Buch steht.
Selbst schreiben | Schreiben lassen | Begleitet schreiben | |
|---|---|---|---|
Stimme | deine | die der Biografin, nach deinen Erzählungen | deine, mit Rückmeldung von aussen |
Aufwand für dich | hoch | Gespräche, Material, Durchsicht | hoch, aber mit festem Rhythmus |
Dauer | offen, hängt allein an dir | nach Vereinbarung | durch Termine gegliedert |
Wer die eigene Biografie nicht selbst schreiben will, gibt sie in Auftrag. Eine Biografin oder ein Ghostwriter führt Interviews mit dir und schreibt daraus den Text. Die Preise sind sehr unterschiedlich. Hol mehrere Offerten ein und lass dir eine Textprobe zeigen.
Wer selbst schreiben möchte, findet in der Schweiz zum Beispiel meet-my-life.net. Die nicht gewinnorientierte Plattform führt mit Leitfragen durch viele Kapitel. Empfohlen wird sie vom Bereich Populäre Kulturen des ISEK an der Universität Zürich.
KI kann dir beim Überarbeiten helfen, etwa beim Prüfen der Chronologie oder beim Finden von Wiederholungen. Als Lektorin taugt sie. Die Erinnerungen und die Sätze müssen deine bleiben, sonst verliert das Buch deine Stimme. Wie das geht, steht in mit KI schreiben, ohne die eigene Stimme zu verlieren.
Ein Beispiel aus der Praxis
Das folgende Beispiel ist aus mehreren typischen Anfängen zusammengesetzt, der Name ist erfunden. Ruth ist 68. Sie will für ihre Enkel aufschreiben, wie sie Mitte der Siebzigerjahre aus dem Emmental nach Zürich kam. Ihre erste Fassung beginnt so:
Vorher: «Ich wurde am 3. März 1958 in Langnau geboren, als drittes von fünf Kindern. Mein Vater war Käser, meine Mutter half im Betrieb.»
In der Rückmeldung ging es um eine einzige Frage: Wann hat Ruth gemerkt, dass sie weggeht? Sie erinnerte sich an den Bahnhof Langnau und an einen Koffer, den sie von einer Tante geliehen hatte. Und an das Billett, das sie bis heute aufbewahrt.
Nachher: «Das Billett nach Zürich kostete mehr, als ich in einem Monat auf dem Hof bekam. Ich habe es nie weggeworfen. Es liegt in einer Schuhschachtel, zusammen mit dem Brief, den meine Mutter mir drei Wochen später schrieb und den ich erst nach ihrem Tod verstanden habe.»
Geburtsjahr, Geschwister und Käserei kommen immer noch vor, zwei Seiten später. Rückmeldung gibt es dabei auf den Text, nie auf die Person. Mehr zu unserer Arbeitsweise.
Wann das nicht reicht
Schreiben über das eigene Leben kann belastende Erinnerungen hervorholen: Gewalt, Missbrauch, Verluste, Krieg. Schreiben ersetzt keine Therapie. Wenn dich ein Kapitel über Tage nicht loslässt, du schlecht schläfst oder alte Ängste zurückkommen, hör auf und hol dir Unterstützung.
Bei der Dargebotenen Hand bekommst du rund um die Uhr ein Gespräch, Telefon 143. Fachpersonen in deiner Nähe findest du über den Psyfinder der FSP auf psychologie.ch. Du kannst das Schreiben später wieder aufnehmen, wenn du Halt hast.
Häufige Fragen
Wie fange ich meine Autobiografie an? Mit einer Szene, die du genau vor dir siehst und die bis heute nachwirkt. Die Chronologie kannst du später ordnen. Eine grobe Zeitleiste und gesammeltes Material wie Fotos und Briefe helfen dabei.
Wie lang muss eine Lebensgeschichte sein? Es gibt keine Mindestlänge. Ein Memoir über einen Lebensabschnitt kann kurz sein, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen wird länger. Entscheidend ist, dass jedes Kapitel zur Leitfrage des Buchs gehört.
Darf ich echte Namen von Familienmitgliedern verwenden? In der Schweiz schützt Art. 28 ZGB die Persönlichkeit. Hol bei heiklen Inhalten eine Einwilligung ein und ändere Namen, wenn jemand nicht erkannt werden will. Betroffene sollten die Fassung als Erste lesen. Vor einer Veröffentlichung heikler Inhalte lohnt sich eine juristische Beratung.
Kann ich meine Biografie mit KI schreiben? KI hilft beim Überarbeiten, etwa beim Prüfen der Chronologie oder beim Finden von Wiederholungen. Die Erinnerungen und die Sätze müssen deine bleiben, sonst verliert der Text deine Stimme.
Wo finde ich in der Schweiz Hilfe, wenn ich eine Biografie schreiben will? Biografinnen und Ghostwriter schreiben nach Interviews für dich. Die Plattform meet-my-life.net bietet Leitfragen zum Selberschreiben. Schreibbegleitungen wie das Schreibjahr geben Rückmeldung und einen festen Rhythmus, während du selbst schreibst.
Material gibt es bei Lebensgeschichten meist genug. Schwierig ist das Dranbleiben. Das Schreibjahr begleitet auch autobiografische Prosa über zwölf Monate. Ob diese Form passt, lässt sich am Vorbereitungstag in Olten prüfen.
Weiterlesen: alle Schreibtipps · was gegen Schreibblockade hilft · mit KI schreiben, ohne die eigene Stimme zu verlieren