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Kurzgeschichte schreiben: wie sie gebaut ist und wohin damit
Wie du eine Kurzgeschichte aufbaust, wo sie beginnt und wie sie endet. Dazu: wie lang sie sein darf und wo du Schweizer Schreibwettbewerbe findest.
Team des Schreibjahrs · Lektorat und Schreibbegleitung · aktualisiert 01.11.2026
Eine Kurzgeschichte erzählt einen einzigen Moment, in dem sich für eine Figur etwas verschiebt. Sie beginnt mitten in der Lage und endet kurz nach der Wende. Was davor war und was danach kommt, bleibt draussen. Die wichtigsten Tipps zum Kurzgeschichte-Schreiben: wenige Figuren, ein Ort, eine kurze Zeitspanne und ein Schluss, der etwas offen lässt.

Was ist eine Kurzgeschichte?
Eine Kurzgeschichte ist ein kurzer Prosatext, der einen Ausschnitt aus einem Leben zeigt. Der Begriff ist im Deutschen eine Übersetzung der amerikanischen «short story». Schulbücher nennen als typische Merkmale einen Anfang ohne Einleitung, wenige Figuren, eine kurze erzählte Zeit, Alltagssprache und einen offenen Schluss. Keine Geschichte muss alle Merkmale haben.
Ein Schweizer Beispiel liegt nah. Peter Bichsels Band «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» erschien 1964 im Walter Verlag in Olten, mit 21 kurzen Geschichten. Wer sie liest, sieht, wie wenig eine Geschichte braucht.
Vom Roman unterscheidet sie vor allem der Blick. Ein Roman folgt einer Figur durch viele Veränderungen. Die Kurzgeschichte hält bei einer einzigen an.
Wie baue ich eine Kurzgeschichte auf?
Eine Kurzgeschichte baust du vom Wendepunkt her. Frag zuerst, in welchem Moment sich für deine Figur etwas verschiebt. Dann suchst du den spätesten Anfang, der noch verständlich ist, und den frühesten Schluss nach der Wende.
Der Aufbau hat meist vier Stellen:
Einstieg mitten in der Lage. Vorgeschichte und Wetter bleiben weg, die Figur steht schon im Problem.
Zuspitzung. Ein, zwei Szenen, in denen der Druck steigt.
Wende. Oft genügt ein Satz oder eine Nachricht, und die Lage kippt.
Schluss kurz danach. Die Geschichte hört auf, bevor sie erklärt, was die Wende bedeutet.

Vorgeschichte gehört höchstens in einen Nebensatz. Braucht die Leserin wirklich, dass die Figur seit zwei Jahren verwitwet ist, reicht ein leerer Stuhl am Küchentisch. Ernest Hemingway verglich dieses Weglassen 1932 mit einem Eisberg. Sichtbar ist nur die Spitze, der Rest trägt darunter.
Worüber kann man eine Kurzgeschichte schreiben?
Über einen Moment, den du kennst und in dem etwas kippt. Gute Stoffe sind selten spektakulär. Ein Anruf, der zu spät kommt. Ein Zug, der an einem Bahnhof hält, an dem man früher gewohnt hat.
Eine einfache Übung für den Anfang: Schreib zehn Sätze auf, die alle mit «An dem Tag, als …» beginnen. Streich den Satzanfang wieder weg. Was übrig bleibt, sind zehn mögliche Wendepunkte. Nimm den, bei dem du am meisten über die Figur wissen willst.
Wer seit Jahren einen grossen Stoff mit sich trägt, kann ihn mit einer Kurzgeschichte anfassen. Schreib eine Szene daraus, die für sich allein steht. Das ist ein guter Weg, eine Figur kennenzulernen, ohne gleich einen Roman zu planen. Aus wessen Sicht und in welcher Zeitform du erzählst, klärt der Artikel Perspektive und Zeitform im Roman.
Wie schreibe ich das Ende einer Kurzgeschichte?
Das Ende einer Kurzgeschichte setzt du kurz nach der Wende und lässt die Deutung bei der Leserin. Ein offenes Ende heisst dabei nicht, dass die Geschichte abbricht. Die Frage der Geschichte ist beantwortet, nur ihre Folgen bleiben offen.
Der häufigste Fehler in ersten Fassungen ist der Erklärsatz am Schluss. Die Figur versteht etwas, und der Text sagt, was. Damit nimmt er der Leserin die Arbeit ab, die sie gern selbst macht. Streich zur Probe den letzten Absatz. Oft ist der vorletzte das bessere Ende.
Ein gutes Ende greift häufig etwas vom Anfang wieder auf, einen Gegenstand oder eine Geste, die jetzt anders aussieht. Das muss kein Knalleffekt sein. Eine Pointe passt zu manchen Geschichten. Wer sie erzwingt, macht aus der Geschichte einen Witz.

Wie lang ist eine Kurzgeschichte?
Eine feste Länge gibt es nicht. Verbindlich wird die Länge erst, wenn du einreichst. Wettbewerbe geben sie meist in Zeichen mit Leerzeichen an.
Zwei Beispiele aus der Schweiz: Der Ü70-Schreibwettbewerb in Zürich erlaubte in seiner Runde «Von Hand» höchstens 20'000 Zeichen. Der Prix d'écriture in Gruyères lässt für 2026/2027 bis 30'000 Zeichen zu. Zum Vergleich: Eine Normseite hat höchstens 1800 Zeichen. 20'000 Zeichen sind also rund elf Normseiten. Wie du Normseiten einrichtest, steht im Artikel Wie lang ist ein Roman?.
Schreib die erste Fassung ohne Blick auf die Zahl. Kürzen kannst du danach immer noch.
Wo finde ich Schreibwettbewerbe in der Schweiz?
Schweizer Schreibwettbewerbe findest du gesammelt im Literaturkalender. Dort wählst du unter «Art» den Eintrag «Ausschreibung» und unter «Region» die Schweiz. Das Kästchen «Nur ohne Buchpublikation» zeigt dir, was dir auch ohne veröffentlichtes Buch offensteht.
Das Kästchen lohnt sich. Als wir im Oktober 2026 die 43 Schweizer Ausschreibungen im Kalender ausgezählt haben, waren nur 12 offen für Leute ohne Buch. Die meisten übrigen verlangten ein veröffentlichtes Buch. Andere setzten einen Wohnsitz im Kanton voraus.
Zwei offene Beispiele, Stand November 2026:
Ü70-Schreibwettbewerb, Thema «Heimweh»: für alle mit Jahrgang 1956 und älter, Einsendeschluss 31. Dezember 2026. Die Gewinnerinnen und Gewinner lesen öffentlich in Zürich und St. Moritz.
Prix d'écriture de Gruyères (PEG) 2026/2027: für Récit, Conte oder Nouvelle auf Französisch, ab 15 Jahren, bis 30'000 Zeichen, Einsendeschluss 31. Dezember 2026. Der Titel muss aus einer vorgegebenen Liste stammen.
Fristen und Bedingungen ändern sich jedes Jahr. Lies vor dem Einreichen immer die Ausschreibung selbst. Für Förderbeiträge und Stipendien gibt es die eigene Seite Literaturförderung.
Wofür taugt ein Schreibwettbewerb?
Ein Schreibwettbewerb taugt vor allem als Frist. Ein Datum, eine Zeichenzahl und ein Thema machen aus «irgendwann» einen Termin. So wird eine Geschichte fertig, die sonst noch Monate in der Schublade läge.
Ein Wettbewerb ist auch eine erste Probe vor fremden Augen. Die Jury kennt dich nicht. Beim PEG etwa steht auf dem eingereichten Text kein Name. Das ist ein ehrlicherer Test als das Urteil der Familie.
Erwarte dabei keine Rückmeldung zum Text. Eine Absage sagt wenig über deine Geschichte. Achte auf die Bedingungen: Viele verlangen einen unveröffentlichten Text, der vorher keinen Preis gewonnen hat. Ein Blog oder eine Lesung kann je nach Ausschreibung schon als Veröffentlichung zählen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Nehmen wir an, jemand schreibt diese Geschichte für einen Wettbewerb zum Thema «Heimweh». Margrit wartet in Olten auf ihren Sohn, der aus Zürich zu Besuch kommen will. Kurz vor der Ankunft sagt er per Nachricht ab. Die Sätze sind für diesen Artikel gebaut.
Der Anfang, vorher:
Margrit war dreiundsechzig Jahre alt und lebte seit dem Tod ihres Mannes allein in einer Dreizimmerwohnung in Olten. An diesem Samstag stand sie früh auf, weil ihr Sohn zu Besuch kommen wollte.
Nachher:
Der Zug aus Zürich hatte vier Minuten Verspätung. Margrit hielt die Dose mit den Zimtsternen mit beiden Händen.
Das Ende, vorher:
Da verstand Margrit, dass ihr Sohn nicht mehr kommen würde und dass sie lernen musste, allein zu leben.
Nachher:
Auf dem Heimweg öffnete sie die Dose und ass den ersten Zimtstern selbst.
Im neuen Anfang fehlen Alter, Wohnung und Vorgeschichte. Die Dose in ihren Händen genügt, und sie ist schon da, als die Geschichte beginnt. Im neuen Ende kommt die Dose zurück. Was Margrit versteht, sagt niemand mehr. Die Leserin sieht es an dem, was sie mit den Zimtsternen tut.
Wann das nicht reicht
Manchmal wächst eine Kurzgeschichte und will nicht kürzer werden. Jede Streichung reisst ein Loch, neue Figuren drängen herein, die Zeitspanne wird länger. Dann ist der Stoff vielleicht ein Roman, und die Geschichte war sein erstes Kapitel.
Bleibt eine Geschichte dagegen in der Mitte stecken, hilft mehr Handwerk selten. Dann lohnt es sich zu lesen, was gegen Schreibblockade hilft. Und wer eine fertige Geschichte hat, braucht vor allem jemanden, der sie genau liest.
Häufige Fragen
Muss eine Kurzgeschichte ein offenes Ende haben?
Nein. Ein offenes Ende ist typisch, aber keine Pflicht. Wichtig ist, dass die Geschichte nach der Wende aufhört und nicht erklärt, was die Wende bedeutet.
Wie viele Figuren verträgt eine Kurzgeschichte?
Meist eine Hauptfigur und eine oder zwei Nebenfiguren. Jede weitere Figur braucht Platz, und den hat eine kurze Geschichte selten.
Schreibt man eine Kurzgeschichte im Präsens oder im Präteritum?
Beides ist möglich. Das Präsens rückt die Leserin nah an den Moment, das Präteritum gibt etwas Abstand. Wichtig ist, dass du die Zeitform durchhältst.
Darf ich dieselbe Geschichte bei mehreren Wettbewerben einreichen?
Nur wenn alle Ausschreibungen es erlauben. Viele verlangen einen unveröffentlichten Text, der noch keinen Preis gewonnen hat. Lies die Bedingungen jeder Ausschreibung vor dem Einreichen.
Weiterlesen
Eine Kurzgeschichte ist oft der erste Text, den man wirklich fertig schreibt. Wer danach an ein Buch will, findet am Vorbereitungstag in Olten heraus, ob ein Jahr Begleitung zum eigenen Stoff passt: Vorbereitungstag in Olten.